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Was bedeutet Symbolismus?

Mai 1, 2008

R é m y d e G o u r m o n t

Was bedeutet Symbolismus? Hält man sich an den engen etymologischen Sinn, fast nichts; geht man über ihn hinaus, kann er heißen: Individualismus in der Literatur, Freiheit der Kunst, Verzicht auf die dozierten Formeln; Tendenzen zum Neuen, Seltsamen, gar Bizarren. Er kann auch heißen: Idealismus, Verachtung der sozialen Anekdote, Antinaturalismus, Neigung, vom Leben nur das charakteristische Detail zu erfassen, nur auf die Handlung zu achten, durch die sich der eine von dem anderen Menschen unterscheidet, nur auf das Erreichen der Resultate, des Wesentlichen. Schließlich scheint der Symbolismus für die Dichter mit dem freien, das heißt, aus den Windeln gewickelten Vers verknüpft zu sein, dessen junger Leib, von Windeln und Banden befreit, sich fröhlich tummeln kann.
[...] Die Literatur ist in der Tat nichts anderes als die künstlerische Entwicklung der Idee, die Symbolisierung der Idee mittels imaginärer Helden. Die Helden oder Menschen (denn jeder Mensch ist in seiner Sphäre ein Held) werden vom Leben nur skizziert, erst die Kunst vervollständigt sie, indem sie ihnen als Ausgleich für ihre arme, kranke Seele den Schatz einer unsterblichen Idee schenkt, und der Geringste kann berufen werden, an alledem teilzuhaben, wenn er von einem großen Dichter dazu auserkoren wird. Welch ein Geringer ist dieser Äneas, dem Vergil die Last aufhalst, die Idee der römischen Kraft zu verkörpern, und welch ein Geringer dieser Don Quijote, dem Cervantes die schreckliche Bürde auferlegt, gleichzeitig Roland und die vier Haimonskinder, Amadis, Palmerin, Tristan und alle Ritter der Table ronde darzustellen! Die Geschichte des Symbolismus wäre die Geschichte des Menschen selbst, da sich der Mensch eine Idee nur in symbolisierter Form anverwandeln kann. Aber wir wollen es hierbei bewenden lassen, denn wir können annehmen, die jungen Gläubigen des Symbolismus kannten nicht einmal die Vita nuova (Das neue Leben, um 1292) und die Gestalt der Beatrice, deren zarte und reine Schultern trotz der vielschichtigen Last der Symbole, mit denen der Dichter sie beschwert, ihre Geradheit bewahren.
[...] In bezug auf den Menschen, das denkende Subjekt, existiert die Welt, alles, was sich außerhalb vom Ich befindet, nur entsprechend der Vorstellung, die er sich von ihr bildet. Wir kennen nur Erscheinungen, urteilen nur nach dem Schein, jede Wahrheit an sich entzieht sich uns, das Wesen ist unangreifbar. Schopenhauer hat das in der so einfachen und klaren Formel: >Die Welt ist meine Vorstellung<, zum Gemeingut gemacht. Ich sehe nicht, was existiert; was existiert, ist, was ich sehe. Soviel denkende Menschen es gibt, soviel verschiedene und vielleicht differierende Welten gibt es. Diese Lehre, die Kant nicht weiterentwickelte, weil er der schiffbrüchigen Moral zu Hilfe eilte, ist so schön und schmiegsam, daß man sie, ohne ihre freie Logik zu verletzen, von der Theorie in die Praxis, selbst in die anspruchsvollste, übertragen kann, – ein universelles Emanzipationsprinzip für jeden Menschen, der fähig ist, zu verstehen. Sie hat nichts weiter als die Ästhetik revolutioniert, aber hier geht es auch nur um die Ästhetik.
[...] Max Nordau, der die ganze zeitgenössische Literatur mit einer bizarren Geduld gelesen hat, propagierte die für jeden intellektuellen Individualismus verheerende Idee, das der >Nonkonformismus< für einen Schriftsteller das Hauptverbrechen sei. Wir sind ganz entschieden einer anderen Meinung. Das Kapitalverbrechen für einen Schriftsteller ist der Konformismus, die Nachahmerei, die Unterwerfung unter die Regeln und Lehren. Das Werk eines Schriftstellers muß nicht nur der Reflex, sondern der vergrößerte Reflex seiner Persönlichkeit sein. Die einzige Entschuldigung für das Schreiben, die einer haben kann, ist, daß er sich selbst schreibt, den anderen die Art von Welt enthüllt, die sich in seinem individuellen Schreiben reflektiert. Seine einzige Entschuldigung ist, originell zu sein. Er muß noch nicht Gesagtes sagen, und zwar in einer noch unbekannten Form. Er muß sich seine eigene Ästhetik schaffen, – und wir werden so viele Ästhetiken zulassen müssen, wie es originelle Geister gibt, und werden sie nach dem, was sie sind, und nicht nach dem, was sie nicht sind, beurteilen müssen.
Akzeptieren wir denn, daß der Symbolismus der Ausdruck, sogar der exzessive, unzeitgemäße, prätentiöse Ausdruck des Individualismus in der Kunst ist.