Archiv für 'Barbey d'Aurevilly'Kategorie

Über den Künstler und die Moral

April 23, 2008

B a r b e y d ‘ A u r e v i l l y

Auf alles das erwidere ich voll Gewißheit: die Sittlichkeit des Künstlers liegt in der Kraft und Wahrheit seines Gemäldes. Indem er die Wirklichkeit malte, ihr das Leben einträufelte, einblies, ist er moralisch genug gewesen: er ist wahr gewesen. Wahrheit kann niemals Sünde oder Verbrechen sein. Wenn man mit einer Wahrheit Mißbrauch treibt, um so schlimmer für diejenigen, die es tun! Wenn man aus einem lebendigen und wahren Kunstwerk böse Dinge schlußfolgert, um so schlimmer für die sündhaften Klugscheißer! Der Künstler hat keine Schuld an der Schlußfolgerung. >Er hat den Arm gereicht<, werden Sie sagen. Hat Gott zu den Verbrechen und Sünden der Menschen den Arm gereicht, indem er die freie Seele des Menschen schuf? Hat er den Arm zu dem Bösen gereicht, das die Menschen tun können, indem er ihnen all das schenkte, womit sie Mißbrauch treiben, indem er ihnen seine prachtvolle, ruhige und gute Schöpfung unter die Hände, unter ihre Füße, in ihre Arme legte? (…)
Der Künstler schafft, indem er die Dinge reproduziert, die Gott gemacht hat und die der Mensch verfälscht und umstürzt. Wenn er sie exakt und lichtvoll reproduziert hat, besitzt er, das ist gewiß, als Künstler die ganze Sittlichkeit, die er haben muß. Wenn man richtig und scharf denkt, kann man aus seinem an allem, was nicht die Wahrheit ist, nicht interessierten Werk stets die – bisweilen zurückgedrängte – Lehre ziehen, die es umhüllt.