Den Symbolismus zu definieren, – wem könnte es gelingen? Man kann höchstens versuchen, den ihn umgebenden Nebel etwas zu lichten, und auch das nur mit dem Willen, rein persönliche Gedanken zu äußern.
Vor allem keine Verwechslung zwischen dem Symbolismus und der Allegorie, noch weniger der Synthese. Auch nicht mit dem heidnischen Symbolismus, denn der gegenwärtige Symbolismus drängt, im Gegensatz zum griechischen, der die Konkretisierung des Abstrakten bedeutete, zur Abstraktion des Konkreten. Darin besteht, glauben wir, sein hohes und modernes Daseinsrecht.
Einst stellte, in der Verkörperung einer Statue, Jupiter die Herrschaft dar, Venus die Liebe, Herkules die Kraft, Minerva die Weisheit. Heute?
Man geht von der gesehenen, gehörten, gefühlten, betasteten Sache aus, um mittels der Idee ihre Beschwörung und Ganzheit zu erreichen. Ein Poet betrachtet Paris, das von nächtlichen Lichtern wimmelt, in unzählige Feuer zersplittert und kolossal von Schatten und Ausdehung. Wenn er ein direktes Bild der Stadt gibt, was Zola vermöchte, das heißt: wenn er sie in ihren Straßen, Plätzen, Monumenten, Gaslichtern, ihren tintenschwarzen nächtlichen Meeren, ihrem fieberhaften Treiben unter den reglosen Sternen schildert, wird er von ihr gewiß einen höchst künstlerischen Eindruck vermitteln, aber nichts wird weniger symbolistisch sein. Richtet er dagegen ihre vermittelte, beschwörende Vision vor dem Geist auf, formuliert er: >eine ungeheure Algebra, zu der der Schlüssel verloren ist<, wird dieser Satz, nackt, fern von jeder Beschreibung und Aufzeichnung von Tatsachen, das lichtvolle, finstere und schreckliche Paris ins Bild bringen.
Das Symbol läutert sich also immer mittels einer Evokation zu einer Idee: es ist ein Sublimat von Wahrnehmungen und Sinneseindrücken, es ist nicht demonstrativ, sondern suggestiv, es ruiniert alles Zufällige, jeden Fakt, jedes Detail, es ist der höchste und geistigste künstlerische Ausdruck, den es gibt.
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Suggestiver, symbolhafter Stil…
Mai 3, 2008Zur Suggestion
Mai 3, 2008Die Suggestion vermag, was kein Ausdruck zuwege bringen könnte. Sie ist die Sprache der Korrespondenzen und Affinitäten von Seele und Natur. Statt der Dinge Reflex auszudrücken, dringt sie in sie ein und wird deren eigene Stimme. Die Sugestion ist niemals gleichgültig, ist ihrem Wesen nach immer neu, denn sie nennt das Verborgene, Unerklärte und Unausdrückliche besagter Dinge. Von einem alten Wort erweckt sie die Illusion, daß man es zum erstenmal liest. Vor allem, so wie sie in den zur Sprache gebrachten Dingen redet, spricht sie auch in den Seelen, an die sie sich wendet: Wie der Klang, das Echo weckt sie das Gefühl des unmöglichen Ausdrucks im Geist des Aufmerkenden, und da sie sich niemals der sterilen Banalität einer konventionellen Schreibweise bedient, meidet sie die kalten wissenschaftlichen Termini. Sie wird lieber die von ihr hervorgerufene allgemeine oder besondere Wirkung einer Farbe als deren Namen nennen, wird auch nicht eine Blume beschreiben oder ziellos aussprechen, sondern, ist das Erscheinen der Blume erreicht, die von ihr hervorgebrachte Empfindung hinzufügen. – Allein die Suggestion kann so auf einigen Zeilen die fortgesetzte Kreuzung und Mischung der Details wiedergeben, wozu der Ausdruck Seiten aufwenden müßte.
Viel mehr als der Ausdruck, der häufig gezwungen ist, die überkommene Sprache zu mißhandeln, um hinter ihr zurückzutreten oder vor ihr aufzutrumpfen, respektiert die Suggestion die überlieferte Sprache, wobei sie freilich nur den lebendigen Traditionen folgt. Sie sträubt sich gegen die Verarmung des Wortschatzes, erinnert sich der so hübsch redenden Rabelais und Troubadours, bittet den Leser, die Wörter zu kennen. Und sie respektiert die Sprache um so mehr, als sie, statt blind und sklavisch zu reden, zu den Quellen jeder Sprache zurückkehrt: zu den Gesetzen der Anpassung der Wortklänge und -farben an die Ideen.
Die Kunst läuft nicht mit dem Menschen…
Mai 1, 2008[...] der Poet muß weniger versuchen, Schlußfolgerungen zu liefern als Denkanstöße zu vermitteln, so daß der Leser, der mitarbeitet, indem er errät, in sich selbst die geschriebenen Worte vollendet.
[...] Die Kunst läuft nicht mit dem Menschen im gleichen Schritt und Tritt, sie geht ihm voran; sie richtet sich nicht an die Urteilskraft, sondern an die Intuition.
Was bedeutet Symbolismus?
Mai 1, 2008Was bedeutet Symbolismus? Hält man sich an den engen etymologischen Sinn, fast nichts; geht man über ihn hinaus, kann er heißen: Individualismus in der Literatur, Freiheit der Kunst, Verzicht auf die dozierten Formeln; Tendenzen zum Neuen, Seltsamen, gar Bizarren. Er kann auch heißen: Idealismus, Verachtung der sozialen Anekdote, Antinaturalismus, Neigung, vom Leben nur das charakteristische Detail zu erfassen, nur auf die Handlung zu achten, durch die sich der eine von dem anderen Menschen unterscheidet, nur auf das Erreichen der Resultate, des Wesentlichen. Schließlich scheint der Symbolismus für die Dichter mit dem freien, das heißt, aus den Windeln gewickelten Vers verknüpft zu sein, dessen junger Leib, von Windeln und Banden befreit, sich fröhlich tummeln kann.
[...] Die Literatur ist in der Tat nichts anderes als die künstlerische Entwicklung der Idee, die Symbolisierung der Idee mittels imaginärer Helden. Die Helden oder Menschen (denn jeder Mensch ist in seiner Sphäre ein Held) werden vom Leben nur skizziert, erst die Kunst vervollständigt sie, indem sie ihnen als Ausgleich für ihre arme, kranke Seele den Schatz einer unsterblichen Idee schenkt, und der Geringste kann berufen werden, an alledem teilzuhaben, wenn er von einem großen Dichter dazu auserkoren wird. Welch ein Geringer ist dieser Äneas, dem Vergil die Last aufhalst, die Idee der römischen Kraft zu verkörpern, und welch ein Geringer dieser Don Quijote, dem Cervantes die schreckliche Bürde auferlegt, gleichzeitig Roland und die vier Haimonskinder, Amadis, Palmerin, Tristan und alle Ritter der Table ronde darzustellen! Die Geschichte des Symbolismus wäre die Geschichte des Menschen selbst, da sich der Mensch eine Idee nur in symbolisierter Form anverwandeln kann. Aber wir wollen es hierbei bewenden lassen, denn wir können annehmen, die jungen Gläubigen des Symbolismus kannten nicht einmal die Vita nuova (Das neue Leben, um 1292) und die Gestalt der Beatrice, deren zarte und reine Schultern trotz der vielschichtigen Last der Symbole, mit denen der Dichter sie beschwert, ihre Geradheit bewahren.
[...] In bezug auf den Menschen, das denkende Subjekt, existiert die Welt, alles, was sich außerhalb vom Ich befindet, nur entsprechend der Vorstellung, die er sich von ihr bildet. Wir kennen nur Erscheinungen, urteilen nur nach dem Schein, jede Wahrheit an sich entzieht sich uns, das Wesen ist unangreifbar. Schopenhauer hat das in der so einfachen und klaren Formel: >Die Welt ist meine Vorstellung<, zum Gemeingut gemacht. Ich sehe nicht, was existiert; was existiert, ist, was ich sehe. Soviel denkende Menschen es gibt, soviel verschiedene und vielleicht differierende Welten gibt es. Diese Lehre, die Kant nicht weiterentwickelte, weil er der schiffbrüchigen Moral zu Hilfe eilte, ist so schön und schmiegsam, daß man sie, ohne ihre freie Logik zu verletzen, von der Theorie in die Praxis, selbst in die anspruchsvollste, übertragen kann, – ein universelles Emanzipationsprinzip für jeden Menschen, der fähig ist, zu verstehen. Sie hat nichts weiter als die Ästhetik revolutioniert, aber hier geht es auch nur um die Ästhetik.
[...] Max Nordau, der die ganze zeitgenössische Literatur mit einer bizarren Geduld gelesen hat, propagierte die für jeden intellektuellen Individualismus verheerende Idee, das der >Nonkonformismus< für einen Schriftsteller das Hauptverbrechen sei. Wir sind ganz entschieden einer anderen Meinung. Das Kapitalverbrechen für einen Schriftsteller ist der Konformismus, die Nachahmerei, die Unterwerfung unter die Regeln und Lehren. Das Werk eines Schriftstellers muß nicht nur der Reflex, sondern der vergrößerte Reflex seiner Persönlichkeit sein. Die einzige Entschuldigung für das Schreiben, die einer haben kann, ist, daß er sich selbst schreibt, den anderen die Art von Welt enthüllt, die sich in seinem individuellen Schreiben reflektiert. Seine einzige Entschuldigung ist, originell zu sein. Er muß noch nicht Gesagtes sagen, und zwar in einer noch unbekannten Form. Er muß sich seine eigene Ästhetik schaffen, – und wir werden so viele Ästhetiken zulassen müssen, wie es originelle Geister gibt, und werden sie nach dem, was sie sind, und nicht nach dem, was sie nicht sind, beurteilen müssen.
Akzeptieren wir denn, daß der Symbolismus der Ausdruck, sogar der exzessive, unzeitgemäße, prätentiöse Ausdruck des Individualismus in der Kunst ist.
Zu Großem ist die Dichtung berufen!
April 23, 2008
C h a r l e s B a u d e l a i r e
Zu Großem ist die Dichtung berufen! Ob fröhlich oder klagend, immer wird sie in sich das göttliche Wesen der Zukunft tragen. Unaufhörlich wird sie der Wirklichkeit widersprechen, sonst würde sie nicht mehr sein. Im Kerker wird sie Revolte, am Fenster des Hospitals ist sie heiße Hoffnung auf Genesung, in der schäbigen und schmutzigen Mansarde schmückt sie sich wie eine Fee, verschwenderisch und elegant; sie prangert nicht nur an, sie heilt. Überall kämpft sie gegen die Ungerechtigkeit.
Das Universum als Vorratskammer
April 23, 2008
C h a r l e s B a u d e l a i r e
>[...] das ganze Universum ist nichts als eine Vorratskammer von Bildern und Zeichen, denen die Phantasie den entsprechenden Platz und Wert anweist; es ist eine Art von Nahrung, die die Phantasie verdauen und umbilden muß. Alle Fähigkeiten der menschlichen Seele sollten sich der Phantasie unterordnen, die sie alle zugleich in Beschlag nimmt. So daß eine gute Kenntnis des Wörterbuches noch nicht notwendig eine Kenntnis der Kunst der Anordung bedeutet und auch diese Kunst noch nicht eine allumfassende Vorstellungskraft. Ein guter Maler braucht kein großer Maler zu sein, aber ein großer Maler ist zwingend ein guter Maler, denn die allumfassende Vorstellungskraft schließt das Wissen um alle Mittel und den Wunsch, sie zu erwerben, ein.<
Charles Baudelaire schreibt über den Maler Eugène Delacroix
Der nützlichste Ort…
April 23, 2008
T h é o p h i l e G a u t i e r
Nichts, was schön ist, ist zum Leben unentbehrlich. Rottete man die Blumen aus, litte die Welt nicht materiell darunter. Wer möchte jedoch, daß es keine Blumen mehr gibt? Ich würde lieber auf Kartoffeln als auf Rosen verzichten, und ich glaube, es gibt auf der Welt nur den Utilitaristen, der fähig wäre, ein Tulpenbeet auszureißen, um Kohl darauf zu pflanzen.
Wozu dient die Schönheit der Frauen? Vorausgesetzt, eine Frau ist gesundheitlich in Ordnung und imstande, Kinder zu gebären, so wird sie für Ökonomen immer gut genug sein.
Wozu ist die Musik gut? Wozu die Malerei? Wer wäre so närrisch, Mozart Herrn Carrel und Michelangelo dem Erfinder des weißen Mostrichs vorzuziehen?
Wirklich schön ist nur, was zu nichts dienen kann.
Alles Nützliche ist häßlich, denn es ist der Ausdruck irgendeines Bedürfnisses, und die Bedürfnisse des Menschen sind unedel und widerlich, wie seine arme und schwache Natur. Der nützlichste Ort eines Hauses ist der Abtritt.
Man müßte alles kennen, um zu schreiben…
April 23, 2008Man müßte alles kennen, um zu schreiben; soviel wir sind, wir Skribbler haben alle eine monströse Unwissenheit, und wie all das doch Ideen liefern könnte; Vergleiche! Uns fehlt im allgemeinen das Mark! die Bücher, aus denen die ganzen Literaturen geflossen sind, wie Homer, Rabelais, sind Enzyklopädisten ihrer Zeit gewesen, diese guten Leute wußten alles, und wir, wir wissen nichts. In Ronsards Peotik steht eine merkwürdige Vorschrift: er empfiehlt dem Dichter, sich in den Künsten und Handwerken, bei Schmieden, Goldschmieden, Schlossern usw. zu unterrichten, um dort Metaphern zu schöpfen; das gibt einem wirklich eine reiche, mannigfache Sprache; die Sätze müssen sich in einem Buch wie die Blätter in einem Walde bewegen, alle in ihrer Ähnlichkeit unähnlich.





