Suggestiver, symbolhafter Stil…

Mai 3, 2008

E m i l e V e r h a e r e n

Den Symbolismus zu definieren, – wem könnte es gelingen? Man kann höchstens versuchen, den ihn umgebenden Nebel etwas zu lichten, und auch das nur mit dem Willen, rein persönliche Gedanken zu äußern.
Vor allem keine Verwechslung zwischen dem Symbolismus und der Allegorie, noch weniger der Synthese. Auch nicht mit dem heidnischen Symbolismus, denn der gegenwärtige Symbolismus drängt, im Gegensatz zum griechischen, der die Konkretisierung des Abstrakten bedeutete, zur Abstraktion des Konkreten. Darin besteht, glauben wir, sein hohes und modernes Daseinsrecht.
Einst stellte, in der Verkörperung einer Statue, Jupiter die Herrschaft dar, Venus die Liebe, Herkules die Kraft, Minerva die Weisheit. Heute?
Man geht von der gesehenen, gehörten, gefühlten, betasteten Sache aus, um mittels der Idee ihre Beschwörung und Ganzheit zu erreichen. Ein Poet betrachtet Paris, das von nächtlichen Lichtern wimmelt, in unzählige Feuer zersplittert und kolossal von Schatten und Ausdehung. Wenn er ein direktes Bild der Stadt gibt, was Zola vermöchte, das heißt: wenn er sie in ihren Straßen, Plätzen, Monumenten, Gaslichtern, ihren tintenschwarzen nächtlichen Meeren, ihrem fieberhaften Treiben unter den reglosen Sternen schildert, wird er von ihr gewiß einen höchst künstlerischen Eindruck vermitteln, aber nichts wird weniger symbolistisch sein. Richtet er dagegen ihre vermittelte, beschwörende Vision vor dem Geist auf, formuliert er: >eine ungeheure Algebra, zu der der Schlüssel verloren ist<, wird dieser Satz, nackt, fern von jeder Beschreibung und Aufzeichnung von Tatsachen, das lichtvolle, finstere und schreckliche Paris ins Bild bringen.
Das Symbol läutert sich also immer mittels einer Evokation zu einer Idee: es ist ein Sublimat von Wahrnehmungen und Sinneseindrücken, es ist nicht demonstrativ, sondern suggestiv, es ruiniert alles Zufällige, jeden Fakt, jedes Detail, es ist der höchste und geistigste künstlerische Ausdruck, den es gibt.

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