Archiv für 23. April 2008

Über den Künstler und die Moral

April 23, 2008

B a r b e y d ‘ A u r e v i l l y

Auf alles das erwidere ich voll Gewißheit: die Sittlichkeit des Künstlers liegt in der Kraft und Wahrheit seines Gemäldes. Indem er die Wirklichkeit malte, ihr das Leben einträufelte, einblies, ist er moralisch genug gewesen: er ist wahr gewesen. Wahrheit kann niemals Sünde oder Verbrechen sein. Wenn man mit einer Wahrheit Mißbrauch treibt, um so schlimmer für diejenigen, die es tun! Wenn man aus einem lebendigen und wahren Kunstwerk böse Dinge schlußfolgert, um so schlimmer für die sündhaften Klugscheißer! Der Künstler hat keine Schuld an der Schlußfolgerung. >Er hat den Arm gereicht<, werden Sie sagen. Hat Gott zu den Verbrechen und Sünden der Menschen den Arm gereicht, indem er die freie Seele des Menschen schuf? Hat er den Arm zu dem Bösen gereicht, das die Menschen tun können, indem er ihnen all das schenkte, womit sie Mißbrauch treiben, indem er ihnen seine prachtvolle, ruhige und gute Schöpfung unter die Hände, unter ihre Füße, in ihre Arme legte? (…)
Der Künstler schafft, indem er die Dinge reproduziert, die Gott gemacht hat und die der Mensch verfälscht und umstürzt. Wenn er sie exakt und lichtvoll reproduziert hat, besitzt er, das ist gewiß, als Künstler die ganze Sittlichkeit, die er haben muß. Wenn man richtig und scharf denkt, kann man aus seinem an allem, was nicht die Wahrheit ist, nicht interessierten Werk stets die – bisweilen zurückgedrängte – Lehre ziehen, die es umhüllt.

Zu Großem ist die Dichtung berufen!

April 23, 2008

C h a r l e s B a u d e l a i r e

Zu Großem ist die Dichtung berufen! Ob fröhlich oder klagend, immer wird sie in sich das göttliche Wesen der Zukunft tragen. Unaufhörlich wird sie der Wirklichkeit widersprechen, sonst würde sie nicht mehr sein. Im Kerker wird sie Revolte, am Fenster des Hospitals ist sie heiße Hoffnung auf Genesung, in der schäbigen und schmutzigen Mansarde schmückt sie sich wie eine Fee, verschwenderisch und elegant; sie prangert nicht nur an, sie heilt. Überall kämpft sie gegen die Ungerechtigkeit.

Das Universum als Vorratskammer

April 23, 2008

C h a r l e s B a u d e l a i r e

>[...] das ganze Universum ist nichts als eine Vorratskammer von Bildern und Zeichen, denen die Phantasie den entsprechenden Platz und Wert anweist; es ist eine Art von Nahrung, die die Phantasie verdauen und umbilden muß. Alle Fähigkeiten der menschlichen Seele sollten sich der Phantasie unterordnen, die sie alle zugleich in Beschlag nimmt. So daß eine gute Kenntnis des Wörterbuches noch nicht notwendig eine Kenntnis der Kunst der Anordung bedeutet und auch diese Kunst noch nicht eine allumfassende Vorstellungskraft. Ein guter Maler braucht kein großer Maler zu sein, aber ein großer Maler ist zwingend ein guter Maler, denn die allumfassende Vorstellungskraft schließt das Wissen um alle Mittel und den Wunsch, sie zu erwerben, ein.<

Charles Baudelaire schreibt über den Maler Eugène Delacroix

Der nützlichste Ort…

April 23, 2008

T h é o p h i l e G a u t i e r

Nichts, was schön ist, ist zum Leben unentbehrlich. Rottete man die Blumen aus, litte die Welt nicht materiell darunter. Wer möchte jedoch, daß es keine Blumen mehr gibt? Ich würde lieber auf Kartoffeln als auf Rosen verzichten, und ich glaube, es gibt auf der Welt nur den Utilitaristen, der fähig wäre, ein Tulpenbeet auszureißen, um Kohl darauf zu pflanzen.
Wozu dient die Schönheit der Frauen? Vorausgesetzt, eine Frau ist gesundheitlich in Ordnung und imstande, Kinder zu gebären, so wird sie für Ökonomen immer gut genug sein.
Wozu ist die Musik gut? Wozu die Malerei? Wer wäre so närrisch, Mozart Herrn Carrel und Michelangelo dem Erfinder des weißen Mostrichs vorzuziehen?
Wirklich schön ist nur, was zu nichts dienen kann.
Alles Nützliche ist häßlich, denn es ist der Ausdruck irgendeines Bedürfnisses, und die Bedürfnisse des Menschen sind unedel und widerlich, wie seine arme und schwache Natur. Der nützlichste Ort eines Hauses ist der Abtritt.

Man müßte alles kennen, um zu schreiben…

April 23, 2008

G u s t a v F l a u b e r t

Man müßte alles kennen, um zu schreiben; soviel wir sind, wir Skribbler haben alle eine monströse Unwissenheit, und wie all das doch Ideen liefern könnte; Vergleiche! Uns fehlt im allgemeinen das Mark! die Bücher, aus denen die ganzen Literaturen geflossen sind, wie Homer, Rabelais, sind Enzyklopädisten ihrer Zeit gewesen, diese guten Leute wußten alles, und wir, wir wissen nichts. In Ronsards Peotik steht eine merkwürdige Vorschrift: er empfiehlt dem Dichter, sich in den Künsten und Handwerken, bei Schmieden, Goldschmieden, Schlossern usw. zu unterrichten, um dort Metaphern zu schöpfen; das gibt einem wirklich eine reiche, mannigfache Sprache; die Sätze müssen sich in einem Buch wie die Blätter in einem Walde bewegen, alle in ihrer Ähnlichkeit unähnlich.